Radreisende, die noch keine Erfahrung mit größeren Touren in den Bergen haben,
sollte ich erst einmal auf unsere allgemeinen Tipps hinweisen, die das Resultat
unserer ersten eigenen großen Tour in den Ostalpen darstellen:
Tipps
für angehende Alpenüberquerer
(pdf
150 kb)
Ergänzend dazu möchte ich im Folgenden einige Punkte ansprechen, denen
speziell in den Westalpen eine besondere Bedeutung zukommt.
1. Auswahl der Ausrüstung
Bei der Wahl des Rades sollte
besonders auf die Eignung zum Schieben und Tragen geachtet werden, da man auf
einzelnen Etappen durchaus soviel Zeit im Sattel wie neben dem Sattel verbringen
wird. Die Fahreigenschaften des Rades sind daher eher von untergeordneter
Bedeutung. Ähnliches gilt selbstverständlich auch für das Schuhwerk.
In das Handgepäck sollten
ergänzend zu einer üblichen Ostalpenausrüstung mindestens noch folgende Teile
wandern:
1. Blasenpflaster (Gehstrecken sind hier etwas länger !)
2. Creme gegen Juckreiz z. B.
Fenistil (Brombeeren, Brennesseln, Stachelgewächse aller Art, riesige
Rinderbremsen, Stechmücken, Kriebelmücken)
3. Lexikon Französich und
Italienisch
(Deutsch oder Englisch werden hier meist als unverständlich
empfunden)
4. Hundeknochen aus Gummi mit
Geschmack
(Notwaffe gegen freilaufende Schäferhunde; wir nehmen jetzt immer welche mit, da sie laut Packungsaufdruck jeden
Hund begeistern und transportfähiger als echte Knochen sind)
2. Anfahrt und Rückreise
Zumindest aus Deutschland stellen Anfahrt und
Rückreise ein gewisses logistisches Problem dar.
Die Nutzung der Deutschen Bundesbahn will sehr sehr gut
überlegt sein. Man sollte dabei sowohl für Hin- als auch Rückfahrt jeweils
einen Reservetag einplanen, da der Fahrplan nur eine unverbindliche
Absichtserklärung darstellt. Jede noch so unwahrscheinliche Panne der Bahn
sollte bei der Planung in Betracht gezogen werden. Verhältnismäßig
unproblematisch ist Bahnfahren hingegen in der Schweiz und Italien. Wir
empfehlen deshalb, bis zum ersten Bahnhof in der Schweiz oder Italien mit dem
Auto anzureisen und erst von dort mit der Bahn weiterzufahren.
Alternativ ist auch ein Flug nach Nizza möglich. Die
Rückreise kann dann aus eigener Kraft erfolgen.
3. Orientierung
Auf eine Beschilderung von Wegen oder überhaupt das
Vorhandensein derselben muss vor allem im italienischen Teil der Westalpen in
weiten Bereichen verzichtet werden. Die verfügbaren Landkarten zeugen zumindest
teilweise von ungeheurer Phantasie, jedoch nicht von Ortskenntnis des jeweiligen
Autors.
Aus diesem Grund sollte man es unbedingt vermeiden,
unsicher verlaufende Wege in der zweiten Tageshälfte anzusteuern. Experimente
dieser Art legt man besser auf den Vormittag und hat dann vor Einbruch der
Dunkelheit noch genügend Zeit, sich durch Gebüsch, Felsen und Steilhänge
wieder in fahrbares Gelände zu kämpfen.
Bei Nebel sollte man ohne GPS wohl besser ganz auf die
Nutzung solcher Strecken verzichten und besser Alternativrouten über Straßen
wählen.
4. Routenwahl
Informationen zur Befahrbarkeit von Pässen mit dem
Mountainbike sind keineswegs schwer zu bekommen. Das Internet ist hier eine
schier unerschöpfliche Quelle. Vor allem unsere französischen Kollegen
übertrumpfen sich hier gegenseitig in der Beschreibung von Strecken und
Übergängen.
Halbwegs verläßlich sind die in Frankreich üblichen
Schwierigkeitsangaben, die in einer M- und einer D-Skala gemessen werden. Ich
kenne die offizielle Definition nicht, nach meiner Erfahrung sind diese Angaben
etwa wie folgt zu verstehen:
M steht
für montée = Aufstieg und D für descente = Abfahrt
M1 = einfach fahrbar, z. B. Forststraßen oder flachere Trails
M2 =
gerade noch auch von Nichtathleten fahrbar, meist steil oder auch technisch schwierig
M3 = wer
das komplett fahrend schafft, darf sich bereits zur Elite der Uphiller zählen
M4 = das
würde ich gerne einmal sehen; für alle anderen gilt: Schieben oder Klettern
D1 = Piste oder einfacher
Trail ohne wirkliche Schwierigkeiten
D2 =
anspruchsvoller Pfad mit kürzeren schweren Passagen
D3 = mit
viel Können (einfache Trialtechnik) und auch Glück in großen Teilen fahrbar
D4 = für
Kamikaze reserviert oder sehr anspruchsvolle Schiebestrecke, engste Kehren,
große Stufen (Trial für Könner)
Irgendwo habe ich gelesen, dass es sogar D5 geben soll (freier Fall ?)
Die
sich langsam sich bei uns einbürgende Singletrail-Skala mit den Graden
S1 bis S5 ist nicht direkt vergleichbar. S1 entspricht etwa D2, S2
entspricht etwa D3 usw.
Reine Phantasie sind vielfach die zusätzlichen Angaben zur Länge von
Schiebe- oder Tragestrecken. Der gerne benutzte Begriff "peu de
portage" kann in der Praxis durchaus bedeuten, dass für zwei Stunden nicht
ansatzweise an Fahren zu denken ist und man am nächsten Morgen den Muskelkater
vor allem in den Armen hat. "Tres roulant" heißt unserer Erfahrung
nach, dass die Steilheit des Geländes ein geschwindigkeitskontrolliertes Fahren
nicht mehr zulässt. Sollte tatsächlich einmal auf Schwierigkeiten hingewiesen
werden ("passage delicat"), können wir nur empfehlen, die Finger
davon zu lassen oder Steigeisen und Seil mitzunehmen.
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die Westalpen weniger für
Leute geeignet sind, die gerne in Gesellschaft radeln oder schieben. Möchte man
sich hier mit Kollegen messen, sollte man diese schon selbst mitbringen.
Ansonsten wird man wohl nur äußerst selten auf andere Radtouristen treffen.